Mittelstand & Gründung

Unternehmen übernehmen: Warum Nachfolge eine echte Chance ist

Unternehmen übernehmen statt neu gründen: Wie du einen passenden Betrieb findest, ihn prüfst, den Kauf finanzierst und die Nachfolge erfolgreich startest.

14.10.2026

8 Min. Lesezeit

Geöffnet-Schild an einer Glastür

Ein Unternehmen übernehmen statt bei null anzufangen: Für viele angehende Unternehmerinnen und Unternehmer ist das der schnellere und oft sicherere Weg in die Selbstständigkeit. Du übernimmst Kunden, Mitarbeitende, Lieferantenbeziehungen und eingespielte Abläufe – und erzielst vom ersten Tag an Umsatz. Gleichzeitig suchen in Deutschland so viele Betriebe eine Nachfolge wie selten zuvor.

In diesem Ratgeber erfährst du, warum die Nachfolge gerade jetzt eine Chance ist, wie du ein passendes Unternehmen findest, wie du es prüfst und bewertest, wie du den Kauf finanzierst und worauf es in den ersten Monaten ankommt. Der Beitrag bietet dir eine fundierte Orientierung, ersetzt aber keine individuelle Rechts-, Steuer- oder Finanzberatung.

Unternehmen übernehmen: Was heißt das konkret?

Bei einer Unternehmensübernahme erwirbst du einen bestehenden Betrieb ganz oder teilweise und führst ihn als neue Inhaberin oder neuer Inhaber weiter. Das geschieht entweder als Kauf von Gesellschaftsanteilen (Share Deal) oder als Kauf einzelner Wirtschaftsgüter wie Maschinen, Kundenstamm und Markenrechte (Asset Deal). Daneben gibt es Pacht-, Beteiligungs- und schrittweise Modelle.

Man unterscheidet außerdem zwischen familieninterner und familienexterner Nachfolge. Wenn du nicht zur Inhaberfamilie gehörst und von außen kommst, spricht man von einem Management-Buy-in. Übernehmen bisherige Führungskräfte den Betrieb, heißt das Management-Buy-out.

Warum die Nachfolge gerade jetzt eine Chance ist

Handschlag zwischen Senior-Unternehmer und Nachfolger, die ein Unternehmen übernehmen Die Zahlen sind eindeutig. Nach dem KfW-Nachfolge-Monitoring Mittelstand streben bis Ende 2029 jedes Jahr rund 109.000 mittelständische Unternehmen eine Nachfolgeregelung an. Gleichzeitig erwägt etwa jedes vierte Unternehmen, den Betrieb nach dem Ausscheiden der Senior-Generation ohne Nachfolge aufzugeben. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn rechnet laut IHK Dresden für 2026 bis 2030 mit rund 186.000 übergabereifen Unternehmen.

Für dich als potenzielle Nachfolgerin oder potenziellen Nachfolger bedeutet das:
  • Große Auswahl: In vielen Branchen und Regionen gibt es mehr übergabewillige Betriebe als Interessenten.
  • Geringeres Marktrisiko: Das Geschäftsmodell hat sich bereits bewährt. Du kennst Umsätze, Margen und Kunden aus den Vorjahren.
  • Schnellerer Start: Du baust nicht erst mühsam einen Kundenstamm auf, sondern übernimmst ein laufendes Geschäft.
  • Fachkräfte inklusive: In Zeiten des Fachkräftemangels ist ein eingespieltes Team ein enormer Wert.
  • Gestaltungsspielraum: Viele Betriebe haben bei Digitalisierung oder Marketing Nachholbedarf. Hier kannst du mit frischen Ideen schnell Wirkung erzielen.
Die Kehrseite: Laut KfW sind die durchschnittlichen Kaufpreisvorstellungen der Alteigentümer seit 2019 deutlich gestiegen. Eine sorgfältige Prüfung und realistische Bewertung sind deshalb wichtiger denn je.

Den passenden Betrieb finden

Bevor du ein Unternehmen übernehmen kannst, kläre dein eigenes Profil. Welche Branche kennst du? Welche Unternehmensgröße traust du dir zu? Wie viel Eigenkapital kannst du einbringen, und in welcher Region willst du leben? Je klarer deine Kriterien, desto schneller erkennst du passende Angebote.

Die wichtigsten Suchkanäle

  • Nachfolgebörsen: Die Börse nexxt-change ist Deutschlands größte Plattform für Unternehmensnachfolgen. Dort findest du Verkaufsangebote und kannst eigene Kaufgesuche veröffentlichen.
  • Kammern und Verbände: IHKs und Handwerkskammern führen Nachfolgeberatungen durch und kennen übergabewillige Betriebe in ihrer Region.
  • Banken und Steuerberatung: Hausbanken, Sparkassen und Steuerkanzleien wissen oft früh, welche Inhaber ans Aufhören denken.
  • M&A-Berater: Für größere Unternehmen vermitteln spezialisierte Berater Kontakte und begleiten den Prozess.
  • Direkte Ansprache: Viele Inhaber haben ihre Nachfolge noch nicht aktiv geplant. Eine respektvolle direkte Kontaktaufnahme kann Türen öffnen.
Rechne mit einer Suchphase von mehreren Monaten. Die Chemie zwischen dir und dem bisherigen Inhaber ist dabei genauso wichtig wie die Zahlen, denn ihr werdet in der Übergangszeit eng zusammenarbeiten. Wie Familienunternehmen ihre Nachfolge von innen heraus planen, beschreibt unser Beitrag zur Unternehmensnachfolge im Familienunternehmen.

Due Diligence und Bewertung: Was ist der Betrieb wirklich wert?

Hast du einen interessanten Betrieb gefunden, folgt die Due Diligence, also die sorgfältige Prüfung. Sie schützt dich davor, versteckte Risiken mitzukaufen. In der Regel unterzeichnest du vorher eine Vertraulichkeitsvereinbarung.

Diese Bereiche solltest du prüfen

  • Finanzen: Jahresabschlüsse und betriebswirtschaftliche Auswertungen der letzten drei bis fünf Jahre, Auftragsbestand, Forderungen und Verbindlichkeiten.
  • Kunden und Markt: Wie stark hängt der Umsatz von wenigen Großkunden oder vom bisherigen Inhaber persönlich ab?
  • Personal: Altersstruktur, Schlüsselkräfte, Arbeitsverträge und Pensionszusagen.
  • Recht und Verträge: Miet- und Leasingverträge, Lieferantenverträge, Genehmigungen, laufende Rechtsstreitigkeiten.
  • Steuern: Offene Betriebsprüfungen und steuerliche Risiken.
  • Technik und Immobilien: Zustand von Maschinen, Fahrzeugen, IT und Gebäuden sowie anstehender Investitionsbedarf.

Wie der Kaufpreis entsteht

Der Wert eines mittelständischen Unternehmens orientiert sich meist an seinem künftigen Ertrag. Verbreitet sind das Ertragswertverfahren und branchenübliche Multiplikatoren auf den Gewinn. Wichtig ist dabei ein bereinigter Gewinn: Ein Inhaber, der sich kein marktgerechtes Gehalt gezahlt hat, lässt den Betrieb profitabler aussehen, als er unter einer neuen Führung wäre.

Lass die Bewertung von unabhängiger Seite prüfen, etwa durch Steuerberatung oder Kammer. Am Ende ist der Kaufpreis ein Verhandlungsergebnis, das auch berücksichtigen sollte, was du aus dem künftigen Gewinn finanzieren kannst.

Share Deal oder Asset Deal: Den Kauf richtig gestalten

Bevor du ein Unternehmen übernehmen kannst, legst du die Form des Kaufs fest. Sie hat große Auswirkungen auf Haftung, Steuern und Aufwand. Die beiden Grundvarianten im Überblick:
  • Share Deal: Du kaufst die Anteile an einer GmbH oder anderen Gesellschaft. Das Unternehmen bleibt rechtlich unverändert, Verträge laufen weiter. Dafür übernimmst du mittelbar auch alle Altlasten und Risiken der Gesellschaft.
  • Asset Deal: Du kaufst einzelne Wirtschaftsgüter wie Maschinen, Warenbestand, Kundenstamm und Markenrechte. Du kannst gezielter auswählen, was du übernimmst, und den Kaufpreis steuerlich oft besser abschreiben. Verträge müssen aber in der Regel einzeln übertragen werden.
Beim Asset Deal greift zudem in vielen Fällen der Betriebsübergang nach § 613a BGB: Die Arbeitsverhältnisse gehen mit allen Rechten und Pflichten auf dich über, die Beschäftigten müssen schriftlich informiert werden und können widersprechen. Führst du den Firmennamen fort, kann außerdem eine Haftung für frühere Geschäftsverbindlichkeiten entstehen. Ziehe für den Kaufvertrag deshalb unbedingt eine Anwältin oder einen Anwalt und eine Steuerberatung hinzu.

Flexible Übergabemodelle

Nicht jede Übernahme muss auf einen Schlag erfolgen. Bei einer schrittweisen Übergabe erwirbst du zunächst einen Teil der Anteile und übernimmst den Rest später. Ein Verkäuferdarlehen, bei dem der Alteigentümer einen Teil des Kaufpreises stundet, signalisiert zudem Vertrauen in die Zukunft des Betriebs. Auch Earn-out-Klauseln, bei denen ein Teil des Preises vom künftigen Erfolg abhängt, können unterschiedliche Preisvorstellungen zusammenbringen.

Die Übernahme finanzieren

Wenn du ein Unternehmen übernehmen willst, steht und fällt die Finanzierung mit einem überzeugenden Konzept. Banken wollen sehen, dass der Betrieb den Kaufpreis und die Zinsen aus seinem laufenden Gewinn tragen kann. Dazu brauchst du einen Businessplan mit soliden Zahlen, der deine Pläne für die Zeit nach der Übernahme beschreibt.

Typische Bausteine einer Nachfolgefinanzierung sind:
  • Eigenkapital: Banken erwarten in der Regel einen spürbaren Eigenanteil. Er zeigt, dass du selbst Risiko trägst.
  • Förderkredite: Der ERP-Förderkredit Gründung und Nachfolge der KfW ermöglicht Beträge bis zu 500.000 Euro mit Garantie einer Bürgschaftsbank. Für kleinere Übernahmen kommt das KfW-StartGeld mit bis zu 200.000 Euro infrage.
  • Bürgschaften: Die Bürgschaftsbanken der Länder sichern Kredite ab, wenn deine Sicherheiten nicht ausreichen.
  • Beteiligungskapital: Mittelständische Beteiligungsgesellschaften stärken mit stillen Beteiligungen dein Eigenkapital.
  • Verkäuferdarlehen: Ein vom Alteigentümer gestundeter Kaufpreisanteil entlastet die Bankfinanzierung.
Welche Programme auf Bundes- und Landesebene zusätzlich existieren, erfährst du in unserem Ratgeber Fördermittel finden. Wichtig: Förderkredite musst du über deine Hausbank beantragen, bevor du den Kaufvertrag unterschreibst. Ergänzende Optionen beschreibt unser Beitrag zu Alternativen zum Firmenkredit.

Die ersten 100 Tage nach der Übernahme

Open-Schild an der Ladentür eines Betriebs unter neuer Leitung nach der Nachfolge Wer ein Unternehmen übernehmen will, sollte wissen: Mit der Unterschrift beginnt die eigentliche Arbeit. In den ersten Monaten entscheidet sich, ob Mitarbeitende, Kunden und Lieferanten dir ihr Vertrauen schenken.
  1. Kommunikation planen: Informiere Team, Kunden und Lieferanten gemeinsam mit dem bisherigen Inhaber. Offenheit verhindert Gerüchte und Abwanderung.
  2. Zuhören statt umkrempeln: Führe Einzelgespräche mit Schlüsselkräften. Verstehe zuerst, warum Dinge so laufen, wie sie laufen.
  3. Wissen sichern: Vereinbare eine Übergangsphase, in der der Alteigentümer dich bei Kunden einführt und sein Wissen weitergibt.
  4. Liquidität im Blick behalten: Kontrolliere Zahlungsein- und -ausgänge wöchentlich. Gerade nach dem Inhaberwechsel ändern manche Kunden ihr Zahlungsverhalten.
  5. Erste schnelle Erfolge: Setze ein, zwei sichtbare Verbesserungen um, etwa bei der Digitalisierung von Abläufen, ohne das Bewährte infrage zu stellen.
Viele Nachfolger unterschätzen die emotionale Seite. Für den Alteigentümer ist der Betrieb oft ein Lebenswerk. Klare Absprachen über seine Rolle nach der Übergabe beugen Konflikten vor.

Fazit: Nachfolge ist Gründung mit Rückenwind

Ein Unternehmen zu übernehmen verbindet unternehmerische Freiheit mit einem bewährten Fundament. Angesichts zehntausender übergabewilliger Betriebe pro Jahr stehen die Chancen für Nachfolgerinnen und Nachfolger gut. Entscheidend sind eine sorgfältige Prüfung, eine realistische Bewertung, eine solide Finanzierung und viel Fingerspitzengefühl beim Start.

Wenn du noch überlegst, ob du lieber neu gründest, vergleiche beide Wege ehrlich miteinander. Unser Leitfaden Unternehmen gründen zeigt dir die Alternative. Für viele ist die Übernahme aber der kürzere Weg zum eigenen Unternehmen – und sie sichert nebenbei Arbeitsplätze und regionale Wirtschaftskraft.

Häufige Fragen zu Unternehmen übernehmen

Wie finde ich ein Unternehmen zur Übernahme?

Wenn du ein Unternehmen übernehmen willst, sind gute Anlaufstellen die Nachfolgebörse nexxt-change, die Nachfolgeberatungen von IHK und Handwerkskammer sowie Banken und Steuerkanzleien in deiner Region. Für größere Unternehmen vermitteln M&A-Berater. Lege vorher Branche, Region, Größe und dein Budget fest. Viele Inhaber haben ihre Nachfolge noch nicht veröffentlicht, deshalb lohnt sich auch eine direkte, respektvolle Ansprache.

Wie viel Eigenkapital brauche ich für eine Unternehmensübernahme?

Eine feste Quote gibt es nicht, Banken erwarten aber in der Regel einen spürbaren Eigenanteil am Kaufpreis und am Investitionsbedarf. Fehlende Mittel kannst du teilweise durch Beteiligungskapital, Verkäuferdarlehen oder eigenkapitalähnliche Förderprodukte ersetzen. Entscheidend ist, dass der Betrieb Zins und Tilgung aus seinem laufenden Gewinn tragen kann. Lass dich frühzeitig von deiner Hausbank und einer Förderberatung begleiten.

Was ist der Unterschied zwischen Share Deal und Asset Deal?

Beim Share Deal kaufst du Gesellschaftsanteile, das Unternehmen bleibt mit allen Verträgen, Rechten und Risiken bestehen. Beim Asset Deal erwirbst du einzelne Wirtschaftsgüter wie Maschinen, Warenbestand und Kundenstamm. Er erlaubt eine gezieltere Auswahl und oft steuerliche Vorteile bei der Abschreibung, erfordert aber die Einzelübertragung von Verträgen. Arbeitsverhältnisse gehen dabei meist nach § 613a BGB auf dich über.

Wie lange dauert eine Unternehmensübernahme?

Von der Suche bis zur Unterschrift vergehen häufig sechs bis achtzehn Monate. Die Suche nach einem passenden Betrieb, die Due Diligence, die Kaufpreisverhandlung und die Finanzierungszusage brauchen jeweils Zeit. Plane zusätzlich eine Übergangsphase ein, in der der bisherige Inhaber dich einarbeitet. Je komplexer das Unternehmen, desto länger dauert der Prozess in der Regel.

Welche Förderung gibt es für Nachfolger?

Die KfW fördert Übernahmen mit dem ERP-Förderkredit Gründung und Nachfolge, der Beträge bis zu 500.000 Euro ermöglicht, und mit dem StartGeld für kleinere Vorhaben bis 200.000 Euro. Die Bürgschaftsbanken der Länder sichern Kredite ab, und viele Landesförderbanken bieten eigene Nachfolgeprogramme. Außerdem gibt es Zuschüsse für Beratungen, etwa über das BAFA. Die Anträge musst du vor dem Kauf stellen.